Ohne Krieg, Kohle, Kinderarbeit: Nachhaltige Anleihen sind gefragt

Förderturm für Kohle (Symbolbild).
Förderturm für Kohle (Symbolbild). pixabay.com pixabay.com

FRANKFURT (dpa-AFX) - Das eigene Geld vermehren und gleichzeitig die Welt ein bisschen besser machen: Nicht nur Anfang des neuen Jahres, wenn gute Vorsätze Hochkonjunktur haben, hört sich das für viele nach einem hervorragendem Deal an. Immer mehr sogenannte grüne oder nachhaltige Anlagemöglichkeiten sprießen denn aus dem Boden. In Deutschland sind aktuell vor allem Anleihen mit nachhaltigem Anstrich gefragt. "Der Markt für Green Bonds ist dank institutioneller Investoren und dem Rückenwind durch die Politik ein stark wachsendes Anleihesegment", sagt Analystin Simone Schieg von der Ratingagentur Scope.

Das Emissionsvolumen nachhaltiger Anleihen hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Die Experten der französischen Bank Société Générale (Société Générale Aktie) gehen für 2019 von einem weiteren Wachstum des Marktes aus. "Der Druck von Investoren, nachhaltige Anleihen anzubieten, ist groß", sagt Martin Wagenknecht, der bei der Bank den Bereich Fremdfinanzierungsmärkte im deutschsprachigen Raum leitet. Insbesondere die Anlageklasse der sogenannten Green Bonds sei erwachsen geworden und habe sich als tauglich für das Alltagsgeschäft erwiesen.

Die Politik will die in die Mode gekommenen Anlagen stärken, die neben ökologischen Kriterien etwa auch Sozialstandards wie Arbeitsbedingungen berücksichtigen können. In einem ersten Schritt hat die EU-Kommission im März einen Aktionsplan veröffentlicht. Hintergrund ist die Pariser Klimavereinbarung von 2015, die eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen der EU um 40 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990 vorsieht. Dafür sind laut Kommission zusätzliche Investitionen in Höhe von 180 Milliarden Euro jährlich nötig - und die sollen auch aus dem Finanzsektor kommen.

Bis Juni 2019 arbeitet eine Expertengruppe an der Ausgestaltung dieser Regeln. Sie soll ein einheitliches Klassifikationssystems für nachhaltige ökonomische Aktivitäten entwickeln, einen EU-Standard für grüne Anleihen erarbeiten und emissionsarme Methoden transparent und messbar machen. Zudem sollen Vorschläge für die Regulierung grüner Anleihen erarbeitet werden.

Den Marktbeobachter der Société Générale zufolge dürfte die zunehmende Regulierung den Druck allgemein steigern, dass Klimarisiken bei Geldanlagen mehr berücksichtigt werden. Das wiederum unterstütze das Wachstum des Anleihemarktes in diesem Bereich.

Ein großes Problem dabei: Nachhaltig bedeutet für jeden etwas anderes. Anlageberater Philipp Achenbach hat 2017 das Startup Finanzoptimist gegründet, weil er hier eine Marktlücke sah. "Viele Angebote sind nur grün angestrichen. Andere sind zwar nachhaltig, erwirtschaften aber keine gute Rendite", sagt Achenbach. "Wenn in einem Nachhaltigkeitsfonds zum Beispiel Waffenhersteller, Plastikproduzenten oder Minenbetreiber enthalten sind, ist das Augenwischerei."

Ein wichtiger Punkt ist daher eine Definition für nachhaltige Finanzen. Ein etablierter Standard für Nachhaltigkeit von Finanzprodukten sind die sogenannten ESG-Kriterien. Die Abkürzung steht für die englischen Begriffe für Umwelt- und Sozialstandards sowie die Art und Weise der Unternehmensführung.

Das Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V., ein seit 2001 existierender Fachverband in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz, definiert es auf seiner Webseite so: "Nachhaltige Geldanlagen ergänzen die klassischen Kriterien der Rentabilität, Liquidität und Sicherheit um ökologische, soziale und ethische Bewertungspunkte." Der Verband erstellt Nachhaltigkeitsprofile von Publikumsfonds, die Anlegern Orientierung bei der Auswahl geben sollen. Jährlich vergibt er zudem ein Siegel für Nachhaltigkeit, mit dem für 2019 insgesamt 65 Fonds ausgezeichnet wurden.

Allerdings können wohl keine auch noch so guten Ausschlusskriterien, Definitionen oder Messmethoden den Anlegern ein 100 Prozent reines Gewissen bescheren. Ali Masarwah, Analyst beim Fondsratinghaus Morningstar, gibt ein Beispiel: Dass Polen als erster staatlicher Emittent einen Green Bond emittierte und dies mit der Finanzierung von Umwelt- und Klimaschutz-Aspekten begründet, ist das Eine. Das Andere ist, dass der polnische Staat eine großangelegte Rodungsaktion im Urwald Bialowieza angefangen und sich dafür eine Rüge vom Europäischen Gerichtshof eingefangen hat./la/elm/mis

Quelle: dpa-AFX