DZ Bank-Experte Dr. Jan Holthusen zum Comeback des Euro

Ein Geschäftsmann beim Betrachten von Charts (Symbolbild).
Ein Geschäftsmann beim Betrachten von Charts (Symbolbild). - HASH(0x55e4b9045ee8)

„Eine Korrektur wäre mehr als nur angemessen“

Mit mehr als 1,35 US-Dollar ist der Euro derzeit so gut bewertet wie seit langem nicht mehr. Die Zweifel am Fortbestand der Gemeinschaftswährung seien verflogen, meint Dr. Jan Holthusen, Leiter der Abteilung Fixed Income Research bei der DZ Bank. Vor der EZB-Ratssitzung am Donnerstag erklärt er im ARIVA.DE-Interview, warum neue Höhenflüge des Euro dennoch vorerst nicht zu erwarten sind – und warum die EZB an ihrer Niedrigzinspolitik festhalten wird.

Dr. Jan Holthusen, DZ BankSeit EZB-Chef Mario Draghi Mitte Juli versprach, den Euro um jeden Preis zu retten, kletterte der Kurs um mehr als 13 Prozent. Ist das alles nur ein psychologisches Phänomen oder hat sich die Lage der Gemeinschaftswährung tatsächlich verbessert?
Dr. Jan Holthusen: Die Einstellung der Marktteilnehmer gegenüber dem Euro hat sich deutlich verbessert. Durch Draghis Versprechen ist die Risikoprämie für einen Kollaps der Eurozone verschwunden. Dies wiederum gibt Zeit, die ambitionierten Sparpakete und eingeleiteten Strukturreformen umzusetzen. Die Stimmung im Sommer 2012 war deutlich schlechter als die eigentliche Lage, also war auch das ein psychologisches Phänomen - nur eben auf der negativen Seite.

Wird 2013 das Jahr des Euro-Comebacks?
Holthusen:  Das Jahr 2013 ist bereits das Jahr des Euro-Comebacks. Die Kursgewinne der letzten Wochen werden begleitet von entsprechenden Entwicklungen an anderen Finanzmärkten, sei es die Spread-Einengung bei den Staatsanleihen der Peripherie, sei es der Höhenflug bei den Aktien. Die Systemzweifel und die Sorge um ein Auseinanderbrechen der Eurozone gehören der Vergangenheit an. Diese Eu(ro)phorie ist aber sicher keine Einbahnstraße. Gerade nach einer so starken Aufwärtsbewegung wäre eine Korrektur mehr als nur angemessen.

Steht die Entwicklung also auf wackeligen Füßen?
Holthusen: Ein Rücksetzer im aktuellen Wechselkurs, aber auch Rückschläge bei der Überwindung der Schuldenkrise sollten keinesfalls als Rückfall in die Krise verstanden werden. Gegen eine überbordende Euro-Aufwertung sprechen aber die noch immer latent brodelnden politischen Risiken. Die Wahl in Italien, die Finanzlage Zyperns und die diversen kleineren Skandale - Monte Paschi, Schmiergeldzahlung Rajoy - sind nur die Spitze des Eisbergs. Vor allem auf realwirtschaftlicher Seite gibt es noch große Herausforderungen für den Euro, bis davon gesprochen werden kann, dass die Krise bewältigt ist.

Deutsche Exporteure haben bisher vom schwachen Euro-Kurs profitiert, weil ihre Waren damit im Ausland relativ günstig waren. Wie schädlich sind steigende Notierungen? Könnten sie beispielsweise den erstarkten Absatz der deutschen Automobilindustrie in den USA ausbremsen?
Holthusen: Der Euro steht gegenüber dem US-Dollar heute trotz seines jüngsten Anstiegs noch etwas niedriger als er seit 2007 im Durchschnitt notierte. Beim heutigen Euro-Dollar-Kurs wird der deutsche Export tendenziell eher noch gefördert als gebremst. Die deutsche Automobilindustrie punktet auch auf dem US-Markt vor allem über die Qualität der Produkte, weniger über einen Preiswettbewerb.

Die Aufwertung hat noch eine zweite Seite: Rohstoffe, die auf dem Weltmarkt in US-Dollar gehandelt werden, werden für Unternehmen in der Eurozone zunehmend günstiger. Welche Branchen profitieren davon besonders?
Holthusen: Sicherlich verringert ein steigender Euro-Kurs die Kosten besonders rohstoffabhängiger Industrien, etwa der Chemieindustrie. Gleichzeitig ist die deutsche Industrie durchgängig sehr exportabhängig und wird umgekehrt von einem steigenden Eurokurs negativ getroffen. Daher dürften sich unter den Industriebranchen kaum Gewinner eines steigenden Euro finden lassen.

Am Donnerstag gibt die EZB bekannt, ob sie die Leitzinsen für den Euroraum auf dem historischen Tief von 0,75 Prozent belässt. Ist die Zeit schon reif für eine Abkehr von der Niedrigzinspolitik?
Holthusen: Nein. Die Zeit für eine Abkehr von der Niedrigzinspolitik ist definitiv noch nicht gekommen. Nahezu der gesamte Euroraum befindet sich gegenwärtig in oder am Rande einer Rezession, die Inflationserwartungen sind weiter moderat. Die Leitzinsen werden daher auch in den kommenden Monaten nicht erhöht werden, und auch die sehr expansive Geldversorgung dürfte weiter Bestand haben.

Apropos Inflation: Warum hat die starke Ausweitung der Geldmenge bei uns nicht zu einer deutlich gestiegenen Inflation bei den Verbraucherpreisen geführt?
Holthusen: Mit einer überreichlichen Versorgung mit EZB-Liquidität besteht eine wesentliche Voraussetzung für das Entstehen von Inflation. Ein latentes Inflationspotenzial ist somit vorhanden. Da diese Liquidität den realen Wirtschaftskreislauf bisher nicht erreicht hat – also Konsumenten und Unternehmen in Form einer anziehenden Bereitstellung von Krediten – hat das nicht zu ansteigenden Verbraucherpreisen geführt. Kurz: Die Saat für höhere Inflation ist gesät. Ob sie aufgeht, wird davon abhängen, ob es der EZB gelingt, die Liquidität wieder zurück zu führen, bevor sich die Inflationsdynamik beschleunigt.

Heftig diskutiert wird das Vorgehen der japanischen Notenbank BoJ: Trotz Rekordschulden schwemmt sie den Markt mit frischem Kapital. Zudem kündigte die japanische Regierung den Kauf von Anleihen aus dem Euro-Rettungsfonds an. Sollten wir Europäer uns darüber eher freuen oder sorgen?
Holthusen: Europa darf sich über den Ankauf der ESM-Anleihen freuen, sollte dies aber auch nicht überbewerten. Dass Japan auch künftig im ESM investieren will, ist Ausdruck der Glaubwürdigkeit des in Europa eingeschlagenen Rettungskurses. Japan hat sich auch an den bisherigen EFSF-Auktionen beteiligt, insofern ist dies kein Teil der neuen geldpolitischen Ausrichtung in Japan. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Japan sein Engagement im Rettungsschirm durch Interventionen finanziert, also durch den Verkauf der eigenen Währung. Vielmehr dürfte es um eine währungsneutrale Umschichtung innerhalb der japanischen Devisenreserven gehen. Wenn es überhaupt Währungseffekte gibt, dann bestenfalls in Euro/US-Dollar, da Dollarreserven gegen Euro getauscht werden könnten.

Interview: Eike Schäfer